engineering

 

1. Offshorefähige Prozesse ermitteln: Hierbei geht es um die Frage, welche Engineering-Leistungen überhaupt vergeben werden sollen und können. Kernkompetenzen und sensibles Know-how sind intern zu behalten und die Komplexität des auszulagernden Prozesses sollte nicht zu hoch sein. Zu empfehlen sind standardisierbare Prozesse mit sich wiederholende Konstruktionen und überschaubarem Änderungsaufwand sowie wenig Schnittstellen zu anderen Baugruppen. Neben dem Festlegen der Prozesse selber ist auch zu ermitteln, was die Prozesse bisher im Unternehmen kosten bzw. wie lang sie dauern.

2. Vorauswahl möglicher Anbieter: Auf Basis der offshore-fähigen Prozesse sind nun potenzielle Anbieter zu identifizieren. Insgesamt kann man die Anbieter in drei Gruppen unterteilen:

• IT-Offshore-Anbieter: Diese haben ihren Ursprung im Bereich der Softwareentwicklung oder Call-Center und haben ihr Leistungsspektrum um das Feld Engineering erweitert. Die Vorteile liegen in der Professionalität der Zusammenarbeit mit westlichen Unternehmen, dem Qualitätscontrolling sowie einer guten Infrastruktur für die Erbringung der Dienstleistung. Nachteilig kann das mangelnde Fach-Know-how sein.

• Engineering Offshore Anbieter: Diese meist kleineren Unternehmen haben häufig den gewünschten Engineering-Tiefgang. Weiterhin sind sie meist flexibler hinsichtlich der Kundenwünsche und der Prozessabläufe zur Zusammenarbeit.

• Produzierende Unternehmen: Die Entwicklungsabteilungen von Unternehmen in Niedriglohnländern bieten häufig ihre Dienstleistung auch für fremde Produkte an. Dann kann der Vorteil häufig darin liegen, dass neben der Konstruktion auch die Option auf einen Prototypenbau, Versuchsdurchführung bis hin zur Fertigung und Lieferung besteht. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr des Know-how- Abflusses an ungewünschte Partner. Dieses kann durch ein gründliches Bearbeiten der Stufe 1 sowie entsprechendes Vertragswerk unterbunden werden.

Der Auswahlprozess kann mehrere Monate dauern. Basierend auf einem Kriterienkatalog sind die potenziellen Anbieter zu bewerten. Es ist nicht unüblich, ein kostenloses Demonstrationsprojekt durchzuführen, um direkt Erfahrungen zu sammeln.

3. Auswahl des Anbieters vor Ort: Basierend auf Stufe 2 ist eine Vorauswahl der Anbieter zu treffen. Häufig geht damit auch die Vorauswahl der Region einher. So lassen sich diese in drei große Blöcke einteilen: Osteuropa, Indien/Südostasien, China. Für welche Region man sich entscheidet, hängt neben der Qualifikation auch mit der Kultur zusammen. Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über „menschliche“ Verhaltensweisen in den einzelnen Ländern (0 bis 100 =“trifft voll zu“):

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Tabelle 1: Kulturunterschiede (Quelle: EASi Engineering)

Die Top3-Anbieter sind dann vor Ort zu besuchen und weiter detailliert zu bewerten bzw. die Konditionen und Vertragsbedingungen zu verhandeln. Gefährlich ist es sich allein von den Ingenieurstundensätzen leiten zu lassen. Denn im Vergleich zu Produktions- oder Einkaufskosten sind Entwicklungskosten gering, jedoch hat das Ergebnis der Entwicklung erheblichen Einfluss auf die gesamten Herstellkosten und auf den Umsatz. Wichtiger ist ein abgestimmter Qualitäts- und Controllingprozess für die Leistung aus dem nahen oder fernen Osten.

Auch wenn man sich an diese dreistufige Vorgehensweise hält, kann bei der Verlagerung dennoch einiges schief laufen. Offshoring ist kein Allheilmittel und es empfiehlt sich, hier auf Erfahrung und professionelle Beratung aufzusetzen. 

Die häufigsten „Fallstricke“, die man bei solchen Projekten antrifft, sind unrealistische Ziele, mangelnder Know-how-Transfer und psychologische Barrieren und hoher Kommunikationsaufwand.

Engineering Offshoring ist ein hoch attraktives, aber auch anspruchsvolles Thema, für das das Sprichwort des französischen Filmregisseurs Claude Chabrol zutrifft: “Die gefährlichsten Kopfschmerzen werden durch mangelhaft verdaute Ideen verursacht.”

 

Autor: Frank Sundermann ist Gründer und Inhaber der Unternehmensberatung Durch Denken Vorne Consult, die innovative Beratungsansätze für das Beschaffungsmanagement und das Produktkostenoptimierung bietet. Hierbei nimmt das Zusammenspiel von Einkauf, Technik und Lieferant eine zentrale Position ein. Durch Denken Vorne Consult, Frank Sundermann, sundermann@durchdenkenvorne.de www.durchdenkenvorne.de

  

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